Wer weiß schon, was er weiß…? 27. July, 2010

„Datenqualität? Nie gehört. Das gehört nicht in mein Ressort!“ Was der Kollege aus dem Einkaufsbereich Ihnen als dem neu ernannten Datenqualitätsverantwortlichen des Unternehmens da an den Kopf wirft, ist wahrlich nicht sehr motivierend, aber in der Praxis sicher kein Einzelfall. Es lässt schon ahnen, an welchen Fronten Sie in den nächsten Jahren vor allem kämpfen werden: Kennen, Können, Wollen und Sollen. Wer sich mit Datenqualität auf einer bereichsübergreifenden Ebene beschäftigt, der braucht starke Nerven, Rückgrat, Toleranz und ganz ganz viel Geschick!

In meinem letzten Artikel habe ich in zugegeben eher parodierender Weise herausgestellt, dass wir es letztlich sind, die ihre Hausaufgaben machen müssen. Nicht die Daten! Aber auch nicht die IT-Systeme oder Prozesse und Strukturen sind das letzte Maß der Dinge, sondern wir Menschen in unserer Unternehmenskultur.  Wer das ignoriert, läuft Gefahr, ein mechanistisches System zu schaffen, das die Chancen einer lebendigen, kreativen Dynamik außen vor lässt. Leider zeigen die meisten der heutigen Ansätze, dass sie sich dieser Gefahr kaum bewusst sind.

Effizientes Management von Datenqualität kann nur greifen, wenn wir uns die Bedeutung unseres Verhaltens bewusst machen und daraus die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich der Hebung unserer Datenqualitätskultur  anzunehmen, einerseits durch die Erweiterung der eigenen oder kollektiven Fähigkeiten. Dies betrifft neben der Kommunikation auch die Sensibilisierung und Qualifizierung der Betroffenen. Andererseits stehen Fragen der Bereitschaft (Motivation, Organisation) der Mitarbeiter oder ganzer Bereiche zur Debatte.

Aber es stehen in diesem Zusammenhang noch zwei andere Aspekte im Raum, die keinesfalls vernachlässigt werden dürfen, wenn Sie sich zu einer gehaltvollen Lösung vortasten wollen. Zum einen muss die allgemeine Mentalität bzw. Kultur im Unternehmen differenzierter reflektiert werden, statt mit idealtypischen Vorstellungen von dem, was das Datenqualitätsmanagement ausmacht, die Initiative zu ergreifen. Sonst laufen Sie Gefahr, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, was sehr schmerzhaft sein kann, wenn man keine Arbeitsschutzvorkehrungen getroffen hat. Dazu ein andermal mehr.

Zum anderen muss der Bewusstseinsstand des Einzelnen oder einzelner Bereiche des Unternehmens für Datenqualität genauer berücksichtigt werden. Auch hier müssen wir jeden dort abholen, wo wir ihn antreffen:  Sie kennen Sokrates. Einer seiner pessimistischen Aussprüche lautete: „Ich weiß, dass ich nicht weiß.“ Keine Angst, ich will hier und jetzt keine kulturpessimistische Debatte initiieren. Vielmehr will ich diesen doch schon etwas betagten Slogan für die Situation vieler Betroffener verwenden. Sie ahnen zwar, dass da etwas im Argen liegt, aber sie haben keine Idee, wie sie es formulieren oder lösen sollen. Na immerhin, könnte man meinen. Sensibilität ist ja schon da. Darauf lässt sich aufbauen. Denn es geht noch schlimmer, wie uns der Kollege aus dem Einkauf gerade klar gemacht hat. Für viele der Betroffenen könnte man ein eher „vorsokratisches“ Szenario etwa wie folgt beschreiben: „Ich weiß nicht einmal, dass ich nicht weiß.“ Und genau für diesen Teil der Belegschaft muss man mit ganz anderen Sensibilisierungsmaßnahmen aufwarten.

Sie sehen, Pauschalisierungen können wie so oft nicht die Lösung sein, sondern differenzierte, angepasste Konzepte sind vonnöten, um bei den Kollegen als neuer Datenqualitätsmanager zu punkten. Und das geht noch viel weiter: Wenn die Betroffenen erst einmal den Lernstoff verinnerlicht haben, dann strotzen sie sicher vor Kraft und Willen, ihre neuen Kenntnisse („Ich weiß, dass ich weiß.“) gleich auszuprobieren und ihren eigenen Erfahrungsschatz und all ihre Kreativität mit in die Waagschale zu legen. Auch das kann ziemlich schief gehen und sie ahnen schon, Qualifikation und Sensibilisierung sind ein langfristiges Geschäft. Denn nun müssen die Heißsporne mit ihrem Elan erst mal in die richtige Richtung gelenkt werden, um nicht noch mehr Schaden anzurichten. So etwas lässt sich dann beispielsweise mit klaren Vorgaben, Richtlinien und Standardisierungen erreichen.

Und das wird sich so lange hinziehen, bis Sie plötzlich merken, dass sich bei den inzwischen zu Datenqualitätsexperten gerierten Kollegen die eine oder andere Routine („Ich weiß nicht, dass ich weiß.“) eingeschlichen hat, die auch wieder nur zu suboptimalen Ergebnissen führt. Sie sehen, der Spruch vom ewigen Lernen ist nicht einfach so daher geredet. Aber nicht nur im Sinne einer Anhäufung von Wissen, sondern auch im Sinne einer ständigen Hinterfragung der Formen des Wissenserwerbs für sich verändernde Situationen. Einen „Vorsokratiker“ werden Sie nicht mit den gleichen Mitteln weiter bringen wie einen routinierten „Nachsokratiker“. Im einen Fall sind eher einfache Referate usw. erforderlich, in dem das 1×1 der Datenqualität mit übersichtlichen Argumenten dargelegt wird oder in Form von Planspielen erste Aha-Effekte erzeugt werden. Einen Experten dagegen kann man am besten von schleichenden Routinen befreien, in dem man beispielsweise mit Fallstudien solche Gefahren oder Fehler aufzeigt.

Tja, wer weiß schon, was er weiß? Ob wir am Anfang stehen mit unseren Bemühungen um eine bessere Datenqualität, mittendrin oder ob wir schon viel erreicht haben. Wenn wir wissen wollen, was wir noch nicht wissen, dann hilft uns der Sokrates-Check!

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