Adam Ries mit Rollstuhl in der Psychiatrie? – Datenqualität als Dimension unserer alltäglichen Lebensqualität (Teil 2) 17. August, 2010
Mangelnde Datenqualität beeinflusst unsere Lebensqualität. Dieser soziale Aspekt einer werdenden Informationsgesellschaft wurde bislang zu wenig berücksichtigt. Im ersten Teil dieses Beitrages haben wir den Einfluss auf den unmittelbaren Alltag betrachtet. Im zweiten Teil folgen weitere Beispiele:
Gesundheitsbereich
Datenpannen und Datenskandale im Alltagsbereich sind wohl noch jene, die zumindest in den meisten Fällen irgendwie verkraftbar sind und zumindest keine langfristigen Folgeschäden bei den Betroffenen hervorrufen wird. Schlimmer wird es, wenn eine unmittelbare seelische oder gar körperliche Verletzung mangels adäquater Informationen für das ganze weitere Leben Konsequenzen trägt. Welche Folgen erleidet bspw. eine Patientin nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus, die aufgrund einer digitalen Fehlinformation nicht nach Hause, sondern in eine Psychiatrie verbracht wurde? Als sie sich dieser Absurdität entgegenstellen wollte, wurde sie sogar noch zum Gewaltopfer des Begleitpersonals. Sicher ist die Lebensqualität doppelt getrübt, wenn man nach einer OP bemerken muss, dass aufgrund falscher bzw. missverständlicher Angaben das falsche Bein amputiert wurde. Natürlich können heutzutage gespendete Gliedmaßen das Leben eines Menschen wieder autonomer gestalten. Aber selbst Organspenderdateien sind inzwischen in den Verruf schlechter Datenqualität gekommen. In den Organspenderlisten britischer Behörden sollen bis zu 800.000(!) fehlerhafte Einträge existiert haben. Zwar scheint es in diesem Zusammenhang bisher „nur“ zu ethischen Problemen gekommen sein, weil den Spendern andere Organe als gewünscht entnommen wurden. Aber die Vorstellung, dass z.B. existenzielle Daten zum Abgleich mit dem Organempfänger unstimmig sind, erscheinen dann wirklich lebensbedrohlich.
Politik
Informations- oder Datenqualität wird aber nicht nur als Problem der digitalen Welt, sondern z.B. auch im Zusammenhang mit politischen Themen relevant. Wir wissen, wie sehr die verschiedenen Lobbygruppen, die unsere Politiker mehr oder weniger im Griff haben, in ihren Gutachten oft zu sehr widersprüchlichen Ergebnissen kommen, die sicher nicht ganz zufällig den jeweils eigenen Standpunkt unterstreichen. Glaube keiner Statistik, die … Nun, wir kennen das ja.
Individuelle Vorteile mangelnder Datenqualität
Natürlich gibt es auch Fälle, wo mangelnde Güte von Informationen zumindest für den Einzelnen deutliche Vorteile bringen kann. Wenn beispielsweise Computer und Zubehör, Flugreisen oder ähnliches aufgrund eines Datenmangels zu Spottpreisen in Internetportalen angeboten werden, dann springt je nach tatsächlicher späterer Durchsetzbarkeit des eingegangenen Geschäftes durch die Kunden zumindest ein Gutschein als Wiedergutmachung durch den sich selbstschädigenden Händler heraus. Oder wenn das digital verwaltete Flensburger Punktesystem Ihre Identität in Form einer Dublette gespalten hat (z.B. durch ein falsches Geburtsdatum), dann kann man die lästigen Regelungen eines rücksichtsvollen Miteinanders im Straßenverkehr gut und gerne eine Weile länger ignorieren.
Eine andere beliebte Form solcher Vorteilsnutzung ist z.B. in Brasilien das Weiterlaufenlassen von Rentenbezügen von verstorbenen Verwandten, weil die Datenbanken der Rentenkasse chronisch inaktuell sind. Aktualität der Daten wird dadurch geschaffen, dass für Millionen Rentner die Rentenzahlungen einfach nach dem Motto eingestellt werden: Wer sich beschwert, lebt noch. Sie lachen über so viel Rückständigkeit in den öffentlichen Verwaltungen dieses Schwellenlandes? Es soll auch hierzulande noch Bankfilialen geben, die täglich die lokalen Todesanzeigen nach eigenen Kunden durchstöbern, statt moderne elektronische Möglichkeiten des Aktualisierungsabgleichs mit den Kundenkonten zu nutzen. In den USA soll das zur Bekämpfung der Finanzkrise aufgelegte Konjunkturprogramm ca. 10.000 nicht mehr unter uns weilende Empfänger mit Konjunkturhilfen der US-Rentenverwaltung im Gesamtwert von 2,5 Millionen Dollar begünstigt haben. Immerhin ist es dort schnell bemerkt und zurückgefordert worden.
Fazit
Diese in den elektronischen Medien über einen relativ kurzen Zeitraum von einigen Monaten gesammelten Beispiele stellen wahrscheinlich nur die Spitze des Eisberges dar, weil sie aufgrund der unglaublichen Vorgänge einfach nicht unterdrückt werden konnten. Und insofern zeigt sich enormer Handlungsbedarf nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für die Politik. Sicher muss die Gesetzeslage an die neuen Bedingungen einer angehenden Informationsgesellschaft immer wieder angepasst werden. Und sicher kann man sagen, dass viele gesetzliche Anforderungen quasi bereits Konsequenzen für einen hohen Qualitätsstandard unserer Informationswelt enthalten.
Aber reichen Gesetze allein schon aus? Die elektronische Vernetzung nahezu aller Lebensbereiche wird insgesamt zu mehr Problembewusstsein führen müssen. Es wird in Zukunft daher vor allem darauf ankommen, die Sensibilisierung auf diesem Gebiete voranzutreiben, ohne dass erst eine größere Katastrophe für eine größere Menschengruppe oder gar ganzer Bevölkerungsteile den Ausgangspunkt für eine neue Kultur des Umgangs mit gesellschaftlich relevanten Informationen bestimmt. Die Unternehmen müssen begreifen, dass sie die Öffentlichkeit und potenziell Betroffene auch in diesem Zusammenhang stärker als Stakeholder in ihrer Unternehmensstrategie berücksichtigen müssen.
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