Adam Ries mit Rollstuhl in der Psychiatrie? – Datenqualität als Dimension unserer alltäglichen Lebensqualität (Teil 1) 10. August, 2010

Die Qualität unserer Daten und Informationen wird im angehenden Informationszeitalter zu einer immer wichtigeren Problemstellung unseres unmittelbaren Lebensalltags. Informations- bzw. Datenqualität beschreibt dabei, wie gut eine Information oder ein Datensatz den Anforderungen der Nutzer entspricht. Je nach Definition kommen dabei mehr als ein Dutzend Merkmale wie Vollständigkeit, Fehlerfreiheit, Aktualität usw. und zusätzlich noch fachspezifische Indikatoren auf der Basis von ganz verschiedenen Geschäftsregeln zum Ausdruck .

Wer die Diskussion dazu in den letzten Jahren verfolgte, wird feststellen, dass dieses Thema nahezu ausschließlich aus der Perspektive der Wirtschaft heraus diskutiert wurde: Kosten- und Risikominimierung, Verbesserung von Entscheidungsgrundlagen zur effizienten Unternehmenssteuerung, Einhaltung von gesetzlichen Vorgaben und Wettbewerbsdruck. Das ist sicher verständlich, denn letztlich waren es die Experten und Softwareanbieter dieses Bereiches, die dieses Thema auf die Tagesordnung gebracht haben. Mit ihrem Trommelfeuer versuchten sie genau diejenigen Mitarbeiter in den Unternehmen ausfindig zu machen, die jenseits ihres alltäglichen Kampfes verzweifelt nach einer ressourcenschonenden Lösung zur nachhaltigen Sicherung stimmiger Informationen aus den Datenbanken suchten.

In diesem Rahmen wurde der Lebensalltag allerhöchstens im Sinne einer Verhinderung von Imageschäden für die Unternehmen überhaupt reflektiert. Wenn beispielsweise Datensatz-Dopplungen (Dubletten) zu peinlichen Mehrfachversendungen an den gleichen Empfänger führten oder Kunden falsche, meist zu hohe, Abrechnungen für ein Produkt oder eine Dienstleistung erhielten. Aber auch dies wurde dann allerhöchstens irgendwie als Kostenfaktor für das Unternehmen verbucht, das Schicksal der eigentlich Betroffenen hat dabei kaum echtes Interesse gefunden. Nicht nur die Wirtschaft wird mit der digitalen Welt konfrontiert, sondern mit ihr auch die Gesellschaft als Ganzes.

Natürlich gibt es für die Unternehmen bereits datenqualitätsspezifische Compliance-Anforderungen, die beispielsweise Banken stärker mit dieser Problematik konfrontieren. Und sicher hat dies einen wichtigen Einfluss auf unsere Lebensqualität, weil ja eine stabile Finanzindustrie eine stabile Wirtschaft und mithin stabile Einkommen bedingt. (Wenn das wie in der letzten Finanzkrise nicht immer gelingt, können wir ja umgekehrt den Banken erst mal Geld aus dem Sparschwein unserer Kinder zukommen lassen, damit sie uns dann eventuell wieder etwas davon leihen…)

Ein eher noch amüsantes Beispiel ist der geniale, jedoch vor einigen Jahrhunderten bereits von uns gegangene Mathematiker Adam Ries, der vor einiger Zeit quasi posthum aufgefordert wurde, endlich seine Rundfunkgebühren zu zahlen. Damit war sein gutes Image dahin. Wir wissen ja, wie schnell die Medien einen Menschen fertig machen können. Und er kann sich nicht einmal mehr wehren! Aber schaut man sich die öffentlich gewordenen Datenskandale der letzten Monate einmal genauer an, dann können die Einflussbereiche auf die Lebensqualität der Bürger im Alltag, in der Privatsphäre, in der Gesundheit, in der Politik usw. ganz deutlich aufgezeigt werden.

Datenskandale nicht immer durch Qualitätsprobleme

Dabei ist zunächst festzustellen, dass sich die Datenskandale nicht immer auf die Qualität der Daten zurückführen lassen. Oft ist es vielmehr eine Frage des Datenschutzes. Z.B. dann, wenn eine Arbeitsvermittlung potenziellen Arbeitgebern Zugang zu „vermittlungshemmenden Merkmalen“ ihrer Klienten verschafft, dann geht das alles schon ganz hart in die Privatsphäre hinein. Oder wenn ein Online-Buchhändler Kunden gegenseitig online Einblick in ihre Rechnungen gewährt und damit über den Buchtitel nicht nur Hobbies und Vorlieben, sondern gegebenenfalls auch private Probleme und Krankheiten ihrer Kunden offenlegt. Auch wenn Dokumente zur Flughafensicherheit mit detaillierten Informationen zur Behandlung von Diplomaten, CIA-Agenten und Polizisten oder gar Atomberichte mit strengvertraulichen Informationen über Atomanlagen, Atom- und Waffenlabore wie in den USA geschehen, im Internet abrufbar werden, dann kann das unsere Lebenssituation in Zeiten verstärkter Terroraktivitäten natürlich ebenso sehr negativ beeinflussen, ist aber ein Problem der Informationssicherheit und nicht der Informationsqualität.

Alltag und Datenqualität

Mangelnde Informationsqualität ist z.B. dann vorhanden, wenn die Fahrpläne unserer öffentlichen Verkehrsmittel falsche Abfahrts- oder Ankunftszeiten enthalten. Das kann dann beispielsweise das eine oder andere Blinddate oder Vorstellungsgespräch ins Wasser fallen lassen. Auch Falschabbuchungen von Bestellungen aus dem Internet können einigermaßen schnell mit der Hausbank geklärt werden, zumindest, soweit man dies überhaupt bemerkt. Sicher wird ein Schockerlebnis einer in die Millionen gehenden privaten Telefonrechnung je nach Gemüt schon eine längere Verarbeitungszeit benötigen. Eine aufgrund von Datenmängeln falsche Schufa-Auskunft wird den Abschluss anstehender Darlehens-, Handy- oder Mietverträge zumindest verzögern. Eine Studie des Verbraucherschutzministeriums zeigt, dass mit 46% fehlerhaften Schufa-Einträgen die Lebensqualität einer recht großen Bevölkerungsgruppe in einem nicht unerheblichen Maße dadurch negativ beeinflusst werden kann. Wenn eine Bank eine Vielzahl von sensiblen Kundendaten bis hin zu Kontobeträgen über eine falsche E-Mailadresse an eine beliebige Privatperson sendet, kann man nur hoffen, dass der erstaunte Empfänger nicht auf dumme Gedanken kommt. Wenn man Kontoauszüge an die falsche Adresse schickt, dann geht das ebenfalls tief in die Privatsphäre hinein. Oder wenn Gasabrechnungen für alle Bewohner eines Hauses im gleichen Kuvert verschickt werden, hat die Datenbank vielleicht eine Wohngemeinschaft oder eine andere Form der gemeinsamen Haushaltsführung suggeriert? Naja, vielleicht hat die ganze Aufregung ja wenigstens die Kommunikation der Hausbewohner und damit die Lebensqualität sogar befördert?

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